Archive for September, 2007

Flashback

 Manchmal, wenn ich Musik höre, überkommt es mich und mir schiessen die Tränen in die Augen - Musik ist mein Trigger für Erinnerungen, die so klar sind, als ob die jeweiligen Situationen direkt vor mir, als Film ablaufen.

Gestern habe ich Joan Baez gehört, und unmittelbar, wenn ihre Stimme erklingt, sitze ich wieder in unserem Wohnzimmer, sehe vor mir die Mahagonischrankwand, das blaue Ledersofa, den hellen Teppich, die bunten Läufer darauf, den runden Glastisch - ich kann aus dem Fenster schauen, unsere Terrasse mit den hellen Fliessen sehen, die Geranienkästen, die am Geländer der Terrasse hängen.

Ich kann unsere Hunde hören, Marco, der im Garten unentwegt Löcher buddelt - ein kleiner Rauhhaardackel der es sich zum Ziel gesetzt hat, die 20m hohe Tanne auszugraben und dabei unentwegt laut bellt, damit jemand von uns kommt, um ihm dabei zu zu sehen. 

Rummy, wie sie gottergeben in der Sonne liegt und sich die selbige auf den Bauch scheinen lässt, eine Rauhhaardackeldame, die knapp 18 geworden ist, und mich somit einen bedeutenden Teil meines Lebens begleitet hat, und Alf, unseren riesigen Schäferhund, mit dem ich stundenlange Waldspaziergänge unternommen habe - seitdem er nicht mehr lebt, habe ich mich nie wieder alleine in den Wald getraut.

In jedem Zimmer sind Boxen und so singt Joan in jedem Raum, sie bohrt sich durch das Ohr in die Seele und ins Herz. Ihre Stimme ist so rein, dass man ergriffen sein MUSS.

Joan Baez ist die Musik meines Vaters, ebenso wie Simon&Garfunkel, Bob Dylan, Cat Stevens und Barbra Streisand. Später auch Elton John und die Dire Straits - aber Joan Baez ist etwas ganz besonderes.

Kurze, ähnliche flashbacks erfassen mich auch bei anderen Musikstücken -

Es gibt den Schlager “Oh mein Papa” aus einem alten Film, gesungen hat ihn Lys Assia in einem Film mit Romy Schneider. Wenn ich dieses Lied höre, sitze ich als kleines Mädchen mit meiner Oma in ihrem “Herrenzimmer”, heute würde man wohl Wohnzimmer sagen. Sie hatte eine Musiktruhe, die Schellackplatten spielen kann. Dieses Lied liebte sie - und auch wenn es mich jedes Mal tieftraurig macht, ich liebe es auch - und heute habe ICH diese Musiktruhe. (ebenso wie die blaue Ledercouch und den runden Glastisch)

Meine Mama sehe ich immer vor mir, wie sie bei den Weihnachtsliedern der Fischer Chöre mitsingt und dabei Plätzchen backt. Das ganze Haus bebt, Kerzen flackern vor sich hin und wenn die Fischer Chöre sich auf beiden Seiten der Schallplatte austoben durften, dann sang eben Udo Jürgens, Freddy oder auch mal Heintje Weihnachtslieder.  Dieses Gefühl, das ich damals in der Vorweihnachtszeit hatte, das wünsche ich mir auch für meine Kinder!

An meine Tante muss ich immer denken, wenn ich das Lied “Take good care of my baby” höre - sie wollte mal, dass ich es ihr in einer neuen Version runterlade - es passt zu ihr, weil sie sich immer lieb um mich gekümmert hat und es auch noch tut, obwohl ich kein Baby mehr bin ;o)

Meine Schwester ist auf ewig verbunden mit “El Lute” von Boney M - als ich klein war, standen wir gemeinsam in der Küche, das Radio schmetterte El Lute und meine Schwester sang so inbrunstig mit, als ob es um ihr Leben ginge, damals wie heute (aber vor allem damals) fand ich das ausserordentlich beeindruckend. 

In den 80 ern gab es die Gruppe “Europe”, die mit dem Lied ”The final countdown” sehr erfolgreich waren - meine Klassenkameradin Steffi war völlig vernarrt in den Sänger. Ich war etwa 13 mitten in der Pubertät und bildete mir ein, völlig erwachsen zu sein - in Wahrheit war ich altklug, hysterisch und eine fürchterliche Ziege. Ich kann mich an eine Klassenparty erinnern, die wir in einem Gemeindezentrum abhielten. Wir Mädchen hatten uns schick gemacht (damals hiess das eine Seite der Haare streng nach hinten zu ziehen, mit einem Kamm zu befestigen, die anderen Haare ins Gesicht fallen zu lassen und den Hinterkopf ordentlich zu toupieren - das ganze dann mit Haarspray fixieren.) Nun, auf dieser Party lief in Endlosschleife “The final countdown”, Steffi tanzte wie eine Besessene und soweit ich mich erinnern kann, wurde ich später zum ersten Mal zum Stehblues aufgefordert - an DAS Lied kann ich mich wiederum nicht erinnern - auch nicht an den Jungen, hm.

“There must be an angel” von den Eurythmics. Für immer das Lied unseres letzten Urlaubstages in Südfrankreich. Meine damals beste Freundin Nicole und ich mussten vor dem Bettgehen nochmal auf die Toilette. Aus der Campingplatzdisco erklang das “dadadadadadadadaaaaaadaaaaaaaaaaadaaaadaaaaaaaadaaaaaaaaaaaaaaa” von “There must be an angel” - wir waren 16, hatten Nachthemden an und je eine Rolle Klopapier in der Hand - wir stürmten noch ein letztes Mal in die Disco und tanzten, als ob es kein morgen gäbe.

 In der Grundschule war eine Klassenkameradin völlig verknallt in Nino de Angelo, der damals seinen einzigen Hit mit “Jenseits von Eden” feierte.

Meine Freundin Nina war in Morten Harket von a-ha verschossen, ich konnte sie nie verstehen, und sie war sich sicher, er würde sie eines Tages finden und mit ihr eine Familie gründen. (wie ich neulich von meiner Freundin Kira erfahren habe, war SIE eigentlich prädestiniert, mit Morten Kinder zu bekommen - Nina, Kira - irgendwas ist da wohl schief gegangen?!)

Wenn ich “Should I stay or should I go” von The Clash höre, denke ich an meine Freundin Nathalie - keine Ahnung warum - ich weiss auch nicht, warum bei “Kiss from a rose” von Seal, automatisch das Bild meiner Freundin Alexi vor meinem inneren Auge erscheint.

Niemand kann das Lied “Halt mich” von Herbert Grönemeyer so leidenschaftlich singen, wie meine liebe Freundin Claudia - ich höre das Lied nie, ohne sie dabei zu sehen.

Elsa meine Austauschschülerin hat auf unserem Klavier immer “Dreams are my reality” von Richard Sanderson, aus dem Film la Boum gespielt - werde ich nie vergessen - ich sehe sie völlig entrückt am Klavier sitzen, wenn ich das Lied höre.

Mit “Come back and stay” von Paul Young, versuchte ich rückgängig zu machen, dass ich mit einem Jungen, der mich gefragt hatte, ob ich mit ihm gehen will, eigentlich nicht gehen wollte. Er fand das eine tolle Aktion, ich versank im Boden, denn er wollte trotz toller Aktion doch nicht mehr mit mir gehen. (14 zu sein war ganzschön anstrengend)

Rick Astleys “Never gonna give you up”  und “Electrica salsa, baba baba” von OFF begleitete mich auf meinen ersten Schritten in die Freiheit des Erwachsenseins - ich durfte mit 2 Freundinnen Sonntags in der Eishalle von 18.00 - 20.00 Uhr in die Eisdisko gehen (laute Musik und dabei fahren alle im Kreis, oder stehen am Rand und gucken sich die aus, die im Kreis fahren) Ich hatte dabei neonfarbene Schnürsenkel im Haar, und meine Freundin Nicole fand jemanden toll, der eine neonrosa Elho - Jacke trug. WAHNSINN!!!

Angela, die irgendwann ihre Liebe zu den Scorpions und “Still loving you” entdeckt hat - Teenie sein, hiess auch, den Daumen immer da reinzulegen, wos richtig weh tat…

Eve, mit der ich nach bestandener Abi -Prüfung wie eine Geistesgestörte im Oxbow - Polo durch die Stadt gerast bin. Alle Fenster runtergelassen, das Radio bis zum Anschlag aufgedreht: “Nothings gonna stop us now” von Starship und jeder kopfschüttelnde Passant, der es nicht wissen wollte, wurde angebrüllt “AAAAAAAAAAAABBBBIIIIII, wir hams AAAABBBBBIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII”

Frank, der völlig ausflippte, wenn irgendwo Lieder von Marius Müller Westernhagen gespielt oder interpretiert wurden - wenn er nach einem erfolgreichen Turnier einen gewissen Pegel hatte, tanzte er dabei auf den Tischen. Der Titelsong vom Film The Bodyguard erinnert mich auch an ihn, weil ich es einmal in einer Bar für ihn gesungen habe.

Ich kann mich auch an einen Moment erinnern, in dem ich “Unbreak my heart” von Toni Braxton gehört und voller Inbrunst mitgeschmettert habe - ich war mir sicher, dies würde das corpus delicti hören und direkt zur Umkehr bewegen… (was nicht der Fall war)

Oder das Kraft- und Zuversicht spendendste Lied auf Erden “Ich dreh mich um Dich” von Herbert Grönemeyer - der mir aus den Boxen des CD - Players heraus seine Hand gereicht hat und mich wieder aufgerichtet hat - ich bin ihm da heute sehr dankbar für!

Für meinen Gatten steht ein ganzes potpourri an Liedern “For me for me formidable” von Charles Aznavour, “Halleluja” von Jeff Buckley, die Lieder der Dreigroschenoper, “Youkali” von Kurt Weill, einige Lieder von Nick Drake, den ich bewusst ohne meinen Mann nicht kennengelernt hätte und unbedingt ”Something stupid” in der Version von Robbie Williams und Nicole Kidman.

Im Moment höre ich am liebsten “Nessun dorma” aus Puccini’s Oper Turandot - besonders die Version von Pavarotti - aber auch Maria Callas’ Paradestück “Costa Diva” rühren mich derzeit bis ins Mark - keine Ahnung warum, ist aber so.

Ob es wohl auch Leute gibt, die spezielle Lieder mit MIR verbinden?  (….)