Herbst

Ich kenne viele Leute, die sich im Herbst völlig dem Farbenmeer eines Blätterwaldes hingeben können. Leute, die mit jedem fallenden Blatt die Vorfreude auf den Advent und die Weihnachtstage schüren. Im Geiste sehen sie vermutlich schon die Kerzen, eine warme Stube, selbstgebackene Plätzchen, haben eine Ahnung vom Tannengrüngeruch der kommenden Tage und überlegen sich, wem sie welches Geschenk unter den Weihnachtsbaum legen werden.
In mir macht sich mit jedem sich rötenden Blatt, mit jedem kahl und nackter werdenden Baum die Melancholie breit.
Der Sommer geht, die Wärme geht, die Tage in grenzenloser Freiheit, am See oder im Garten verbracht.
Das Essen auf dem Grill zubereitet. Es gibt Erdbeerkuchen und Wassermelone, draussen schmeckt alles nochmal so gut.
Selbstvergessen schauen wir spielenden Schmetterlingen hinterher, wir sehnen uns nach deren Leichtigkeit des Seins. Der Geruch von frisch gemähtem Gras, Rauchschwaden allerorten, verständnisinniges Lächeln zum Nachbarn, Tor und Tür steht offen, Kinderlachen, Chansons, Salsamusik bis in die späte Nacht.
Alles wird klamm, der Himmel ist sternenklar, die Fackeln leuchten, die Kinder liegen in Decken gehüllt und schnarchen vor sich hin, während wir “grossen” noch bei einer letzten Flasche Rotwein plaudern.
Die Fenster auch nachts geöffnet, eine sanfte Brise zieht durch die Wohnung, wir wachen von Vogelgezwitscher auf, der Himmel von tiefem Blau, man möchte den Tag umarmen, laut schreien vor Freude und aufspringen, das Leben begrüssen.
Leben spielt sich im Sommer ab, der Herbst nimmt das Leben mit sich und verschliesst es in Räumen, die mit staubtrockener Heizungsluft gefüllt sind.
Feuchte Kälte springt uns an, kriecht in die Glieder, es fröstelt. Kalte Füsse und Hände werden für die kommenden Wochen unsere steten Begleiter sein.
Der Winter wird eingeläutet mit der Umstellung der Zeit. Wie jedes Halbjahr empfindet man eine kurze Unsicherheit, ob die Zeiger nun ”nach vorne oder nach hinten” zu stellen sind - und dann ist es in nur einer Nacht besiegelt. Die Dunkelheit hat jetzt das Sagen.
Wir versuchen uns über die draussen währende Tristesse durch das Anzünden von Kerzen hinweg zu täuschen, aber sie erreichen mich nicht so sehr, wie das natürliche Licht der Sonne, die nicht nur Licht gibt, sondern bis ins Innerste zu wärmen vermag.
Wenn der Herbst endlich vorüber ist, ist das Einzige, was mich über den Verlust des Sommerlebensgefühls hinweg tröstet, ein flirrend kalter, trockener Wintertag, mit eisblauem, strahlenden Himmel und Sonnenschein.
Ich halte einen kleinen Moment inne, strecke mein Gesicht der Sonne entgegen und fühle wie meine von der Kälte taub gewordene Nasenspitze die Wärme der Sonne begrüsst und nehme langsam, ganz langsam jeden einzelnen Strahl auf.
Für wenige Minuten breitet sich ein Entzücken aus, was für ein schöner Tag, hallo Sonne, hallo Leben - danke!
Die Speicher sind wieder gefüllt - und ehe man es sich gewahr wird, findet der erste Krokus seinen Weg durch die letzten Reste der Schneedecke und an den Tankstellen wird Grillkohle zum Verkauf angeboten…
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Drück Dich, hab Dich lieb!!