Pat

Ich war zwanzig, des Lebens bei meinen Eltern überdrüssig, von der Schule zu Tode gelangweilt und ich hatte einen Freund, der Tennisspieler war.

Er verbrachte die meiste Zeit des Jahres in den USA, weswegen ich in mehr oder minder regelmässigen Abständen zu ihm flog. Im Sommer spielte er Tuniere in Deutschland und dann verschwand er wieder nach Amerika.

Die Zeiten, die ich in Deutschland überbrücken musste, ohne ihn zu sehen, brachten mich fast um. Ich jobbte in Kneipen, verdiente mir so schnell es ging den nächsten Flug.

Amerika war toll, meinem konservativen Elternhaus zu entfleuchen von unschätzbarem Wert.

Ich war fasziniert vom Leben unterwegs. Die Staaten gaben mir das Gefühl von Freiheit, wie ich es nie gekannt hatte. Alles war anders, alles war möglich.

Nachts einkaufen, Subway, Tacobell nicht lecker, aber eben nicht Rahmschnitzel mit Spätzle, Dr.Pepper und Mountain Dew. Wahnsinn!

Im Nachbarhaus meiner Freundin lebten drei Offiziere, die in Deutschland stationiert waren. Ich stand auf ihrem Balkon und rauchte, da lief einer von ihnen unten am Haus vorbei, ein Sixpack mit Mountain Dew unterm Arm.

„Hey, bist Du Amerikaner???“, lies ich mir mal eben cool einfallen.

Er glotzte mich an, als ob ich nicht ganz dicht sei, sagte „Yes, ma’m“ und ging weiter.

Eine Erklärung habe ich bis heute nicht, ausser vielleicht, dass ich mich wieder so frei wie in den USA, mich meinem Freund näher fühlen wollte – ich ging, nein, ich rannte vom Balkon, rüber zum anderen Haus, klingelte, und das war der Beginn von „The House“ oder auch „The Commune“.

Wir wurden schnell Freunde, lachten, veranstalteten BBQ’s, ich schmiss die Schule und wurde Köchin für die drei. Im Gegenzug durfte ich bei ihnen wohnen und bekam regelmässig Mountain Dew mitgebracht, ich lernte die Nationalhymne und die Besetzung des Dreamteams auswendig, musste Vodka – Jelly an Halloween essen und lernte Süßkartoffelkuchen kennen. Wir hatten einen riesigen, den obligatorischen Grill auf der Terrasse stehen und eine Hollywoodschaukel. Ich ging mit zum Softball, rauchte amerikanische Zigarretten, hörte stundenlang Garth Brooks und war in meiner Parallelwelt gefangen.

Meinem Tennis spielenden Freund war das suspekt – er trennte sich, ich litt wie ein Hund, aber „das Haus“ fing mich auf.

Das Haus war riesig, es hatte 6 Zimmer, drei davon belegt.

Freunde aus der ganzen Welt kamen uns besuchen, geplant für wenige Tage, oder ein Wochenende. Zu guter Letzt wohnte aber ständig irgendjemand mit uns dort. Leute, die per Interrail durch Europa unterwegs waren. Sie riefen donnerstags an, dass sie übers Wochenende vorbeikommen würden. Einer wohnte zwei Jahre im Haus, suchte sich Arbeit und wurde unser „Grillmaster“, keiner trug die Kochmütze mit so viel Würde wie er, ein anderer blieb nur wenige Wochen kürzer.

Manchmal ging ich abends ins Bett, bereitete das Frühstück und wunderte mich, über die Gesichter, die zum Tisch kamen, denn über Nacht waren neue Leute angekommen. In den am meisten frequentierten Wochen fasste unser Haus 14 Leute.

Wir waren ein total bekloppter, verrückter Haufen und auch als ich schon wieder ausgezogen war, kam ich täglich vorbei.

Als die Jungs umstationiert wurden, besuchte ich sie in ihrer neuen Heimat – aber so etwas wie unsere Commune gab es nie wieder.

Wir sind Freunde fürs Leben geworden, in alle Winde verstreut.

Glenn, Tom, Teresa, Claudia, Gaggs, Giles, Mike, Angela, Mallory, Samantha, Bangbang und Pat.

Ich habe gerade erfahren, dass Pat gestorben ist.

Das ist für Dich…

 

Advertisements

2 comments so far

  1. eine Familie wie andere auch on

    das ist ja eine Wahnsinns-Geschichte! Euer aller Verlust tut mir leid, aber die Geschichte eurer „Commune“ ist ja sehr außergewöhnlich!

  2. ichbinimmerich on

    Ja, ich glaube, wir wissen sie alle auch als solches zu schätzen. Diese Menschen sind für immer in meinem Herzen eingebrannt, als Wegbegleiter und Freunde der mit schönsten Zeit in meinem Leben!
    Pats Tod ist für uns alle ein schwerer Schlag.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: