Archive for the ‘Trauer’ Tag

Bald ein Jahr

Das erste Jahr ist bald um, in 7 Wochen um genau zu sein. Unfassbar, wie es vergangen ist, es ist gerade zu an uns vorbei gerauscht. Dieser Alptraum, ich werde nie vergessen, wie mein Mann mich morgens um 4 davon abhält nach der Toilette wieder ins Bett zu kommen – er müsse mit mir reden, etwas schreckliches sei geschehen. In diesem Moment, ohne auch nur den Bruchteil einer Ahnung zu haben, was nun kommen würde, hat sich eine eiskalte Hand um mein Herz gelegt. Fieberhaft habe ich überlegt, was passiert sein könnte.
Wie hätte ich darauf vorbereitet sein können, was er dann versucht hat, mir beizubringen.

In Worte kann ich nicht fassen, wie sehr mein Vater mir fehlt, sein Rat, sein Trost, die Sicherheit seines Vertrauens in mich – wo ich mein Vertrauen in mich mit dem letzten Jahr gänzlich verloren habe.

Ich würde gerne auch für ihn stark sein, aber ich kanns noch nicht, ich bin noch immer zu traurig.

Der Tod Bernd Eichingers vor wenigen Tagen hat so viele Menschen auf den Plan gerufen, die sagen „oh mein Gott, er war doch noch viel zu jung, er hätte doch noch so viel Zeit gehabt“ – mein Vater war gerade mal 2 Jahre älter, und da haben die Leute gesagt „so ist das Leben“.

Advertisements

Wer zieht die Strippen?!

Ist da jemand, der die Fäden zieht?
Macht der uns krank oder gesund, sorgt der dafür, dass wir schwul sind oder nicht, dunkel oder hell, gross oder klein, geliebt oder verstossen, beliebt oder belächelt, schön oder hässlich, stark oder schwach, in Armut oder Reichtum geboren, dass wir leiden oder lachen, leben oder sterben?
Muss das so sein, damit wir die Menschen sein können, die wir sein sollen, damit wir den Platz erfüllen, der für uns gedacht ist?
Ist unser Buch geschrieben oder passieren diese völlig wahnsinnigen Dinge ohne Zusammenhang, selbst wenn es so aussieht?
Wenn der Tag zum Sterben gekommen ist, macht es dann einen Unterschied, ob ich ins Flugzeug steige, oder auf meiner Couch sitze? Wird es passieren?
Musste ich die Menschen treffen, die mir nicht gut getan haben, hat das so sein sollen? Und die, die mir so gut tun? Wurden mir die Begegnungen mit ihnen geschenkt, um mich davor zu bewahren, mich in der Trauer um die „schlechten“ zu verlieren?

Was kann die Antwort sein auf: warum musstest Du gehen? Warum musste Dich mir, uns allen jemand wegnehmen? Warum durftest Du nicht noch leben, jetzt, wo Du begonnen hattest, das Leben zu geniessen? Da war noch so viel Zeit.
Manchmal zerreisst es mich und dann sind das die Momente, in denen ich Dich angerufen habe, mich in Deinen Arm, in Deine Kraft, Deinen Mut, Deine Zuversicht, Deine Klugheit und Vernunft, Deine Wut, Deine Empörung, Deine Freude, Deine Trauer gestürzt habe und dann alles besser tragen konnte.
Musstest Du gehen, damit ich erwachsen werde?

So wurde mir gesagt. Das ist mehr, als ich tragen kann!

1.Monat

Es bestimmt mein ganzes Denken, rund um die Uhr bin ich mir der Leere gewahr und habe manchmal das Gefühl, das Loch tief in meinem, ich kann noch nicht mal sagen, in meinem Bauch, denn es geht flächendeckend durch mich durch, frisst mich auf, lässt mich den Verstand verlieren, erstickt mich.
In manchem Momenten lähmt mich der Schmerz so sehr, dass ich sicher bin, mich nie wieder von der Stelle rühren zu können, meinen Körper nie wieder mit der Kraft meiner Muskeln, sondern nur aufgrund der Vernunft, die mir wie ferngesteuert sagt:“Du musst, für die anderen, sie brauchen Dich!“ fortbewegen zu können.

Gestern wurde ich gefragt:“sag mal, trauerst Du i m m e r n o c h?“
Ohnehin stelle ich fest, dass offenbar alle Menschen, die ich kenne, grosse Schwierigkeiten haben, auf mich zu zu gehen, seit 1 Monat, seit einem ersten „Es tut mir leid“ habe ich von den meisten Freunden nichts mehr gehört – und diese Frage hat mir zum ersten Mal in den letzten Wochen ein Gefühl dafür vermittelt, dass es wohl gut ist so, dass ich da alleine durchgehen muss, dass ich nicht das Recht habe, mit meinem Schmerz zu behelligen.
Vielleicht zeigt das auch, dass man in einer so schnelllebigen Zeit wie heute, mit allem schnell abgeschlossen haben sollte, ganz egal, was es ist…

Heute habe ich mir eine kleine Dattelpalme und allerlei Pflanzen gekauft, die auch in seinem Garten in Nordafrika wachsen, Mimosen werde ich noch suchen – es ist, als ob ein Stück seines Lebens somit bei mir ist, als ob ich ihn heraufbeschwören könnte.
Da sind noch so viele Fragen, so grosse Sehnsucht und un end liche Trauer um niemals mehr erlebbare Momente.

Und dann…

…lähmt mich die Angst:
Wer wird mir als nächstes entrissen?
Wer muss als nächstes gehen?
Wen werde ich als nächstes ziehen lassen müssen?

Ich traue mich kaum zu atmen, als ob das die nächste Katastrophe auslösen könnte. Mehr kann ich gerade nicht ertragen aber ich spüre, wie ich parallel zu dieser Erkenntnis eine völlig irrationale Panik entwickle, dass dies nun der Startschuss war, dass ich alleine bleibe, dass alle, die ich liebe und die mich lieben von mir gehen – oder schlimmer, dass auch mich ein solcher Sekundentod ereilt und ich alle die ich liebe und die mich lieben zurücklassen werde.
Von einem Extrem ins andere;

Man lebt so vor sich hin, Schlimmes passiert den anderen, Krankeiten, Tod = ausgeblendet.

Und jetzt mitten drin.

In Nordafrika hat es mich in den Wahnsinn getrieben, dass alle Menschen, die zum Kondolieren kamen, gesagt haben „ooh, das tut uns so leid!! ohh, er war so ein guter Mensch!!! oooh, wir sind so traurig!!! …..

… ABER SO IST DAS LEBEN!!!“

Beim ersten, der das gesagt hat, dachte ich noch, das sei eine Eigenart von dieser Person und habe Aussden Folgesatz ignoriert. Beim zweiten fand ich es dann doch deutlich befremdlich, und als es dann immer so wieder ging, und es bis auf einen einzigen jungen Mann ALLE gesagt hatten, wollte ich am liebsten nichts mehr hören.
ABER SO IST DAS LEBEN!

Natürlich ist so das Leben, natürlich weiss das jeder, natürlich leben wir, um irgendwann zu sterben, aber muss einem das gesagt werden, unmittelbar nachdem man erfahren hat, dass das auch für das allernächste Umfeld gilt?

Alle sagen:“das braucht Zeit“ und „die Zeit heilt…“ aber für mich ist genau D A S das Problem. Die Zeit.
So viele Jahre soll ich nun ohne seinen Rat, ohne seine Spässe, ohne seine Liebe, sein ehrliches Interesse, seine mentale Unterstützung in jeder erdenklichen Lebenslage auskommen?
Heute vielleicht, gestern ja, morgen auch – aber dann, jeden weiteren Tag auch?
J E D E N W E I T E R E N T A G ??!!!???
Wie soll das gehen?

Unmöglich

Da sitze ich, schaue das Foto von vor gerade mal 5 Monaten an, das erste seit 30 Jahren, auf dem wir beide gemeinsam in die Kamera lächeln, strahlen, Seite an Seite. Fotos, die gemacht werden MUSSTEN, ich hatte einen regelrechten Drang, Fotos von Papa mit den Kindern, Fotos von Papa mit mir, Fotos von Papa mit seiner Frau, Fotos von Papa alleine – als hätte ich es geahnt, und dabei bin ich sicher, ich hätte so etwas grausames, fürchterliches und kaum auszuhaltendes niemals ahnen können…

Sinnfrage

Ich wünschte, ich könnte anders damit umgehen, stark sein, die Trauer annehmen, das Leben dennoch bejahen, Kraft und Freude durch und für meine Kinder hervorzaubern – und diese Zeit in dem Bewusstsein durchstehen, dass es irgendwann besser werden wird, werden muss.

Es scheint mir so unmöglich damit umgehen zu lernen, so undenkbar, jemals in Frieden damit leben zu können, dass er nicht mehr da ist. Mein Held, mein Ratgeber, meine erste grosse Liebe, warmherzig, kämpferisch, wohlwollend, stets hilfsbereit, immer fair und ehrlich – das Vertrauen, mein Vertrauen hat er nie enttäuscht, hat mir als Einziger immer das Gefühl gegeben, dass es ok ist, was ich mache, dass er darauf vertraut, dass ich den richtigen Weg für mich finden werde – hat nie den Finger in die Wunde gelegt, wenn das, was ich mir habe einfallen lassen, mal nicht gut gelaufen ist.

Da sind so viele Gefühle, und ich kann sie nicht in Worte fassen. In blindem Aktionismus und unter Aufbietung aller Kräfte kann ich minutenweise abschalten, das Grauen nicht so sehr an mich heranlassen – dann denke ich wieder, es platzt mir gleich der Schädel, als würde ich verrückt, als könnte mein Kopf nichts von dem fassen, ertragen, womit ich von nun an lernen soll zu leben.
Er fehlt mir so.unendlich.sehr.

Für Dich

Ich wünschte, es wäre noch mehr unser…

Den Weg, den Du vor Dir hast,
kennt keiner.
Nie ist ihn einer so gegangen,
wie Du ihn gehen wirst.
Es ist Dein Weg.

Papi

Mein lieber lieber geliebter Papi,

Du hast immer gedacht, mit Deinem Weggang aus Deutschland hätten sich auch Deine Bande hier her gelöst. Dass keiner mehr an Dich denken würde – und Du warst so enttäuscht von Deinen sogenannten Freunden, so hast Du gesagt.
Papi, ich habe mit allen gesprochen, weisst Du, Du hast Dich geirrt. Sie sind alle so traurig. Sie haben alle gerade bitterlich geweint. Keiner, der nicht aus tiefstem Herzen betroffen ist – keiner, der noch Worte gefunden hätte, um auszudrücken wie unfair das Leben ist, und wie unendlich traurig, dass Du – obwohl so weit weg, aus unserer Mitte gerissen wurdest.

Meine Verzweiflung kann ich nicht in Worte fassen – „nie mehr“ ist so verdammt viel.

Ich hab Dich unendlich lieb und somit jeden Tag der noch kommt immer weiter und für immer – das ist auch verdammt viel!