Archive for the ‘Verzweiflung’ Tag

Wer zieht die Strippen?!

Ist da jemand, der die Fäden zieht?
Macht der uns krank oder gesund, sorgt der dafür, dass wir schwul sind oder nicht, dunkel oder hell, gross oder klein, geliebt oder verstossen, beliebt oder belächelt, schön oder hässlich, stark oder schwach, in Armut oder Reichtum geboren, dass wir leiden oder lachen, leben oder sterben?
Muss das so sein, damit wir die Menschen sein können, die wir sein sollen, damit wir den Platz erfüllen, der für uns gedacht ist?
Ist unser Buch geschrieben oder passieren diese völlig wahnsinnigen Dinge ohne Zusammenhang, selbst wenn es so aussieht?
Wenn der Tag zum Sterben gekommen ist, macht es dann einen Unterschied, ob ich ins Flugzeug steige, oder auf meiner Couch sitze? Wird es passieren?
Musste ich die Menschen treffen, die mir nicht gut getan haben, hat das so sein sollen? Und die, die mir so gut tun? Wurden mir die Begegnungen mit ihnen geschenkt, um mich davor zu bewahren, mich in der Trauer um die „schlechten“ zu verlieren?

Was kann die Antwort sein auf: warum musstest Du gehen? Warum musste Dich mir, uns allen jemand wegnehmen? Warum durftest Du nicht noch leben, jetzt, wo Du begonnen hattest, das Leben zu geniessen? Da war noch so viel Zeit.
Manchmal zerreisst es mich und dann sind das die Momente, in denen ich Dich angerufen habe, mich in Deinen Arm, in Deine Kraft, Deinen Mut, Deine Zuversicht, Deine Klugheit und Vernunft, Deine Wut, Deine Empörung, Deine Freude, Deine Trauer gestürzt habe und dann alles besser tragen konnte.
Musstest Du gehen, damit ich erwachsen werde?

So wurde mir gesagt. Das ist mehr, als ich tragen kann!

1.Monat

Es bestimmt mein ganzes Denken, rund um die Uhr bin ich mir der Leere gewahr und habe manchmal das Gefühl, das Loch tief in meinem, ich kann noch nicht mal sagen, in meinem Bauch, denn es geht flächendeckend durch mich durch, frisst mich auf, lässt mich den Verstand verlieren, erstickt mich.
In manchem Momenten lähmt mich der Schmerz so sehr, dass ich sicher bin, mich nie wieder von der Stelle rühren zu können, meinen Körper nie wieder mit der Kraft meiner Muskeln, sondern nur aufgrund der Vernunft, die mir wie ferngesteuert sagt:“Du musst, für die anderen, sie brauchen Dich!“ fortbewegen zu können.

Gestern wurde ich gefragt:“sag mal, trauerst Du i m m e r n o c h?“
Ohnehin stelle ich fest, dass offenbar alle Menschen, die ich kenne, grosse Schwierigkeiten haben, auf mich zu zu gehen, seit 1 Monat, seit einem ersten „Es tut mir leid“ habe ich von den meisten Freunden nichts mehr gehört – und diese Frage hat mir zum ersten Mal in den letzten Wochen ein Gefühl dafür vermittelt, dass es wohl gut ist so, dass ich da alleine durchgehen muss, dass ich nicht das Recht habe, mit meinem Schmerz zu behelligen.
Vielleicht zeigt das auch, dass man in einer so schnelllebigen Zeit wie heute, mit allem schnell abgeschlossen haben sollte, ganz egal, was es ist…

Heute habe ich mir eine kleine Dattelpalme und allerlei Pflanzen gekauft, die auch in seinem Garten in Nordafrika wachsen, Mimosen werde ich noch suchen – es ist, als ob ein Stück seines Lebens somit bei mir ist, als ob ich ihn heraufbeschwören könnte.
Da sind noch so viele Fragen, so grosse Sehnsucht und un end liche Trauer um niemals mehr erlebbare Momente.

Unmöglich

Da sitze ich, schaue das Foto von vor gerade mal 5 Monaten an, das erste seit 30 Jahren, auf dem wir beide gemeinsam in die Kamera lächeln, strahlen, Seite an Seite. Fotos, die gemacht werden MUSSTEN, ich hatte einen regelrechten Drang, Fotos von Papa mit den Kindern, Fotos von Papa mit mir, Fotos von Papa mit seiner Frau, Fotos von Papa alleine – als hätte ich es geahnt, und dabei bin ich sicher, ich hätte so etwas grausames, fürchterliches und kaum auszuhaltendes niemals ahnen können…

Sinnfrage

Ich wünschte, ich könnte anders damit umgehen, stark sein, die Trauer annehmen, das Leben dennoch bejahen, Kraft und Freude durch und für meine Kinder hervorzaubern – und diese Zeit in dem Bewusstsein durchstehen, dass es irgendwann besser werden wird, werden muss.

Es scheint mir so unmöglich damit umgehen zu lernen, so undenkbar, jemals in Frieden damit leben zu können, dass er nicht mehr da ist. Mein Held, mein Ratgeber, meine erste grosse Liebe, warmherzig, kämpferisch, wohlwollend, stets hilfsbereit, immer fair und ehrlich – das Vertrauen, mein Vertrauen hat er nie enttäuscht, hat mir als Einziger immer das Gefühl gegeben, dass es ok ist, was ich mache, dass er darauf vertraut, dass ich den richtigen Weg für mich finden werde – hat nie den Finger in die Wunde gelegt, wenn das, was ich mir habe einfallen lassen, mal nicht gut gelaufen ist.

Da sind so viele Gefühle, und ich kann sie nicht in Worte fassen. In blindem Aktionismus und unter Aufbietung aller Kräfte kann ich minutenweise abschalten, das Grauen nicht so sehr an mich heranlassen – dann denke ich wieder, es platzt mir gleich der Schädel, als würde ich verrückt, als könnte mein Kopf nichts von dem fassen, ertragen, womit ich von nun an lernen soll zu leben.
Er fehlt mir so.unendlich.sehr.

Für Dich

Papi

Mein lieber lieber geliebter Papi,

Du hast immer gedacht, mit Deinem Weggang aus Deutschland hätten sich auch Deine Bande hier her gelöst. Dass keiner mehr an Dich denken würde – und Du warst so enttäuscht von Deinen sogenannten Freunden, so hast Du gesagt.
Papi, ich habe mit allen gesprochen, weisst Du, Du hast Dich geirrt. Sie sind alle so traurig. Sie haben alle gerade bitterlich geweint. Keiner, der nicht aus tiefstem Herzen betroffen ist – keiner, der noch Worte gefunden hätte, um auszudrücken wie unfair das Leben ist, und wie unendlich traurig, dass Du – obwohl so weit weg, aus unserer Mitte gerissen wurdest.

Meine Verzweiflung kann ich nicht in Worte fassen – „nie mehr“ ist so verdammt viel.

Ich hab Dich unendlich lieb und somit jeden Tag der noch kommt immer weiter und für immer – das ist auch verdammt viel!